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Wenn Ihr einen bislang unveröffentlichten Erasmus-Erfahrungsbericht
schickt ihn uns einfach, wir veröffentlichen Ihnen hier gerne. Wenn
er bereits im Internet veröffentlicht ist, schickt uns einfach kurz
den Link zu eurem Bericht und helft mit mit diese Infosammlung zu erweitern.
Hier findet Ihr unsere E-Mail Adresse.
Vorwort
Ich habe in der Zeit von September 2005 bis Juni 2006
ein Auslandsjahr an der Escola Superior de Musica de Catalunya (ESMUC)
in Barcelona studiert.
Ich hatte mir die Hochschule hauptsächlich wegen der Stadt ausgesucht.
Barcelona ist bekannt für seine exzellente Jazzszene und seine Verbindung
zur New Yorker Szene.
Ich bin also ohne jegliche Erwartungen an die ESMUC gegangen, ich studierte
au_erdem ohne Scheindruck’, da ich an meiner Heimathochschule in
einen Aufbaustudiengang mit vielen Freiheiten eingeschrieben stand.
Ich war nicht der typische Erasmusstudent, wie der nachstehende Bericht
noch deutlich machen wird. Trotzdem oder gerade deshalb w¸rde ich
dieses Austauschprogramm unbedingt empfehlen.
Wohnungssuche
Ich bin im August mit meiner Freundin nach Barcelona
gefahren, um eine Wohnung für uns zu suchen. Ich hatte also nie etwas
mit der ˆden Zimmersucherei und WG-Vorstellungsgesprächen zu
tun. Ein typisches WG-Zimmer, habe ich später gelernt, ist ein quadratischer,
gekachelter und heizungsloser Raum mit Fenster zum Schacht und kostet
300€.
Die Wohnungssuche gestaltet sich im August als wahnsinnig kompliziert,
weil alle im Urlaub sind. Da der freie Wohnungsmarkt tats‰chlich
kaum existiert, waren wir gezwungen, uns an eine Agentur zu wenden. Es
folgten eine Reihe von Agentur-Vorstellungsgesprächen und die Erkenntnis,
dass alle zwar das gleich Ziel verfolgen (Geld), aber nur wenige bereit
sind, den Kunden nicht vom ersten Moment an als unmündiges Opfer
zu behandeln und tatsächlich so etwas wie Service anbieten. Es fällt
mir schwer, eine der Agenturen zu empfehlen, deshalb gebe ich nur an,
bei welcher wir gelandet sind: www.ollebertran.com
Hochschule
Ich habe die ersten zwei Septemberwochen bis zum Vorlesungsbeginn
damit zugebracht, in der zehn Fu_minuten entfernten Hochschule t‰glich
mehrmals anzurufen, um den Verantwortlichen irgendwelche Informationen
zum Studienbeginn zu entlocken.
Wenn man in der ESMUC anruft, erreicht man als erstes einen Anrufautomaten
mit einem Menu. Das wei_ man aber nicht, weil er dem Anrufer in einem
atemberaubenden katalanisch seine Optionen anbietet. Anders als viele
seiner Automatenkollegen leitet das Ger‰t den Anrufer nicht zu einer
Zentrale, sollte man sich zu keiner der Optionen entschlie_en (oder, wie
in meinem Fall, immer auf das ‚Piep’ warten, um eine Nachricht
zu hinterlassen) sondern legt einfach auf.
Als ich dann am ersten Tag dort persˆnlich erschien, bereits mit
einem sehr gespannten Geduldsfaden, war die einzige Reaktion der Koordinatorin:
‚Warum bist Du denn nicht einfach mal vorbeigekommen?’ Die
Koordinatorin heißt Gemma und gleicht wie viele katalanische Beamte
organisatorische Schwächen mit Freundlichkeit und Kommunikationslust
aus. Es war während des gesamten Jahres nicht möglich, beim
Sekretariat um der bloßen Information willen aufzukreuzen. Gleiches
galt f¸r die Rezeption, wo die Räume und ‹bekabinen reserviert
werden. Die zahllosen Zettel mit katalanischen Zungenbrechern und Redewendungen,
die mir dort von den Concierges aufgeschrieben wurden, hängen an
meinem K¸hlschrank.
Die Hochschule ist in einem neuen Gebäude untergebracht. Von au_en
macht es nicht viel her, von innen ist es allerdings hochmodern. Elektronische
Schlüsselkarten, komplette Hellholzvert‰felung, Konzertsaal,
Multifunktionssaal, Tonstudio, eine Hochterrasse... Die Luft ist immer
frisch, auch in den kleinen ‹bezellen, und das ohne dass man st‰ndig
wegen der Klimaanlage erkältet wäre.
Sprache
Ich konnte bei meiner Ankunft schon recht ordentlich
Spanisch, es hat immerhin für die Wohnungssuche, einige Telefonate
und die ersten Kontakte gereicht. Im September habe ich mich bei der Normalitzaci
Llinguistica’ angemeldet. Da gibt es gratis Katalanischkurse. Ich
habe die ersten zwei Kurse abgeschlossen. Ein Kurs dauert grob gesagt
entweder vier Monate und dauert drei Stunden pro Woche (· zwei
Unterrichtstage) oder zwei Monate mit dementsprechend sechs Stunden pro
Woche. Ich empfehle letzteres, weil das dem Lerntempo eines Studenten
eher entspricht als der erste Kurs, in dem zu 80% südamerikanische
Muttchen sitzen, die zuletzt vor 35 Jahren ein Schulbuch in der Hand hatten.
Ich empfehle den Kurs unbedingt. Mit ein paar Brocken Katalanisch wird
man gleich anders von der Bevölkerung wahrgenommen. Nach meiner ersten
katalanischen Bestellung im Fischgeschäft von gegen¸ber wurde
mir eine Flasche Wei_wein geschenkt, aus der im Laufe der Zeit zwei weitere,
ein halbes Kilo Krebse, eine Tüte Boquerones und ein täglicher
Gruß Ruf aus dem Laden auf die Straße wurden.
Selbst wenn man nicht vorhat, Katalanisch aktiv zu sprechen (hier sei
auf all diejenigen verwiesen, die ständig skandieren: ‚Aber
die kˆnnen doch alle auch Spanisch...’), hilft es ungemein
beim Verstehen der Sprache. So kommt es oft vor, dass sich ein Grüppchen
auf Spanisch unterhält, dann sagt einer was auf Katalanisch, es folgt
ein blabla, welches man unmöglich versteht, und schon ist man aus
der Unterhaltung geflogen. Nat¸rlich gibt es auch Leute, die darauf
Rücksicht nehmen, aber auf Dauer ist es nat¸rlich kein schönes
Gefühl, immer als Außenstehender behandelt zu werden.
Ich persönlich mag vor allem die Aussprache des Katalanischen, es
klingt rund, fast wie ein rheinl‰ndischer Dialekt (‚poble,
moble...’).
Leute
‚Katalanen bleiben gerne unter sich. Sie sind
Fremden gegenüber sehr verschlossen’, lautet hier ein oft gehörtes
Vorurteil. Ich habe ähnliche Erfahrungen teilen können. Hier
hilft auf jeden Fall nur die Sprache weiter. Als Erasmusstudent muss man
sich allerdings auch nicht wundern, wenn einen nicht gleich alle mit offenen
Armen empfangen. Echte soziale Bindungen geht man wahrscheinlich nicht
für ein Jahr ein.
Bei mir hat es einen gro_en Wahrnehmungswechsel gegeben, als ich mich
entschloss, länger als das geplante Jahr hier zu bleiben.
Ich habe mich von anderen Erasmusstudenten nicht bewusst ferngehalten,
aber irgendwie genervt hat mich deren Gesellschaft schon. Ich hatte den
Eindruck, dass viele ihr Studium liegenlassen, vor allem in anderen Fachbereichen
(Musik ist nicht sehr abhängig von der Landessprache). Dass jene
Langzeiturlauber mit ihrer dementsprechend laxen Arbeitshaltung nicht
die Stimmung ihrer Kommilitonen teilen, ist einleuchtend.
Barcelona ist teuer und die Studenten wohnen deshalb zum Großteil
bei ihren Eltern. Sie wollen dafür nicht belächelt werden, auch
wenn ihre Unselbstständigkeit oder Unbeholfenheit manchmal merkwürdig
anmutet.
Musik
Barcelona ist Bebop-Landia’’, sagen viele
Musikstudenten. Tatsächlich wird die traditionelle Fahne hier sehr
hoch gehalten. Das Niveau ist erstaunlich hoch und warf bei mir die Frage
auf, wie diese Musikkultur bei uns so wenig gepflegt werden konnte bzw.
als verpönt gilt.
Es gibt auch moderne Einfl¸sse, die hauptsächlich von den hier
lebenden Koryphäen Gary Willis, Jordi Rossy, Gorka Benitez, Reid
Andersson und Llibert Fortuny hochgehalten werden.
Es gibt eine interessante Konzertreihe im Jazz-Si’ jeden Montag,
die den nicht immer passenden Namen Mestres de Jazz’ trägt.
Die dort auftretenden Gruppen spielen meist ein bis zwei Monate dort,
so dass man die Möglichkeit hat, die Entwicklung der Band mit zu
verfolgen.
Mein Lieblings-Jam findet immer donnerstags ab 0.00 oder 0.30 Uhr im ‚Estudiantil’
am PlaÁa Universitat statt. Es ist ein rohes Ambiente mit jungen,
guten Musikern.
Großartig ist der Sound in einem der besten Clubs, die Europa zu
bieten hat, nämlich in der ‚Nova Jazz Cava’ in Terrassa,
etwa eine Dreiviertelstunde von Barcelona entfernt.
Allen Jazzfreunden sei unbedingt die Seite: www.urbaanjazz.com empfohlen,
auf der alles zum Thema Jazz in Barcelona und Umgebung zu erfahren ist.
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